Neujahrsvorsätze: Das Problem mit der Selbstkontrolle

Neues Jahr, neues Glück? Das Jahr 2015 begann mit einem grossen Knall, einem Glass Champagner und gut gemeinten Vorsätzen. Wobei sich die Vorsätze nicht gross von jenen aus dem vergangenen Jahr unterscheiden. Warum ist es derart schwer, die gut gemeinten Vorsätze in der Realität umzusetzen?

(Cartoon A Day)

Der Hauptgrund ist mangelnde Selbstkontrolle. Der Mensch denkt und handelt grundsätzlich lieber kurzfristig wie langfristig. Menschen ziehen die Belohnung Heute einer Belohnung in der Zukunft vor. Wir verzichten im hier und jetzt ungern zu Gunsten einer langfristigen Belohnung. Ein Beispiel: Bier und Chips heute versus Strandfigur in ein paar Monaten.

Langfristige Präferenzen weichen kurzfristigen Präferenzen. Dabei spielt die Art der Belohnung keine Rolle. Der Motor hinter der mangelnden Selbstkontrolle ist Willensschwäche. Oder „Akrasia“ wie es Aristoteles nannte. Die Herausforderung bei der Einhaltung von Neujahrsvorsätzen ist verzwickt: Wer langfristig Erfolg haben will, muss kurzfristig verzichten – eine pur rationale Aufgabe. Nicht gemacht für nicht konsequent rational handelnde Wesen:

„Die eine Seite unseres Ichs funktioniert eher rational und handelt verantwortlich, die andere spontane Seite ist emotional und handelt kurzsichtig und nach Gefühl. Diese zweite Seite sorgt dafür, dass wir uns falsch verhalten und uns und anderen Schaden zufügen.“

(TheEuropean)

Die im Zitat genannten Arten des Denkens das schnelle, instinktive und emotionale System 1 sowie das langsame, bedachte und logische System 2 – spielen bei der Einhaltung von Neujahrsvorsätzen eine wichtige Rolle. Plakativ gesagt: System 2 definiert die Vorsätze; System 1 sorgt dafür, dass die Vorsätze gebrochen werden. Denn im Gegensatz zu System 2, bevorzugt System 1 die kurzfristige Belohnung. Ausreden für die Nichteinhaltung der Vorsätze sind schnell und in grosser Anzahl parat.

Das schnelle, intuitive System 1 ist im Alltag hilfreich. Beispielsweise wissen wir automatisch, dass „grün“ bei einer Verkehrsampel „Fahren“ heisst. Wir müssen uns nicht zuerst über die Konsequenzen der Farbe „grün“ bei einer Verkehrsampel Gedanken machen. Der hinter solch gewohnten Verhaltensmustern liegende Effekt wird „Click Whirr Effect“ genannt. Der Begriff „Click Whirr Effect“ wurde durch Robert Cialdini geprägt. Cialdini ging davon aus, dass Tiere und Menschen über automatische Reaktionssysteme verfügen, welche mit fixen Aktionen auf Trigger reagieren. Diese automatisierten, fixen Aktionen umschrieb er mit dem Ausdruck „Click Whirr“. Zum Beispiel müssen wir selber lachen, wenn wir in ein lachendes Gesicht schauen.

Automatische Reaktionen und eingeübte Verhaltensmuster sind eine weitere Erklärung für das scheitern von Neujahrsvorsätzen. Wir nehmen uns beispielsweise vor, im neuen Jahr weniger Kaffee zu trinken. Das klappt in der Regel bis zu den ersten Arbeitstagen gut. Denn zu Hause kann man mit etwas Willensstärke auf Kaffee verzichten. Im Büro ist dies schwieriger. Oftmals ist der Gang zur Kaffeemaschine ein gewohntes Verhalten. Sobald man im Büro ist, setzt ein über längere Zeit eingeübtes Verhaltensmuster ein. Und bevor man es realisiert, steht man vor der Kaffeemaschine und lässt sich einen Kaffee raus.

Die Verhaltensökonomie liefert erfreulicherweise Ansätze um den Neujahrsvorsätzen zum Erfolg zu verhelfen. Ein solcher Ansatz ist, den Neujahrsvorsatz an einen finanziellen Anreiz zu knüpfen. Beispielsweise kann man mit sich vereinbaren, dass beim Bruch eines Neujahrsvorsatzes ein Betrag an eine Institution gespendet wird. Verstärkt wird der Effekt, wenn die gewählte Institution unsympathisch ist. Oder man knüpft den Neujahrsvorsatz an eine Wette mit einer Kollegin oder einem Kollegen. Beide Ansätze führen dazu, dass die langfristige Belohnung gegenüber der kurzfristigen Versuchung an Gewicht gewinnt. Und fördern damit die Selbstkontrolle.

Weitere lesenswerte Artikel zu diesem Thema erschienen auf den Blogs „The Swedish Nudge Network“ sowie „Der Persönlichkeits-Blog„.

Literatur:

Ariely, D. (2008). Predictably Irrational. The Hidden Forces That Shape Our Decisions. New York: HarperCollins.
Cialdini, R. (1984). Influence: The Psychology of Persuasion. New York: Quill.
Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast ans Slow. New York: Farrar, Straus and Giroux.

2 Gedanken zu “Neujahrsvorsätze: Das Problem mit der Selbstkontrolle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s